"Kinderpornografie"
- massiver Anstieg
weltweit
Seit Covid wird massiv mehr sogenannte Kinderpornografie konsumiert. Und zwar nicht im Darknet, sondern in sozialen Medien und Messengern. Eine Übersicht über aktuelle Studien.
Der Konsum von Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs (DSKM) – ob real oder KI-generiert – ist höher denn je. Laut dem National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC) stieg die Anzahl der Meldungen von 29,3 Millionen im Jahr 2021 auf fast 36 Millionen im Jahr 2023 [1]. Gegenüber dem Jahr 2019 entspricht dies einem Anstieg von 87%. Diese drastische Veränderung zeigt sich auch in anderen Ländern: In Deutschland haben sich die Fälle seit dem Jahr 2018 jährlich praktisch verdoppelt [2] , während ein fast identischer Anstieg in den USA bereits seit 20 Jahren zu beobachten ist [3], und in Kanada wurde innert 7 Jahren (2010 bis 2017) ein Anstieg von 288% verzeichnet [4].
Gleich häufig wie Depression
In der Schweiz wird DSKM, umgangssprachlich oft verharmlosend Kinderpornografie genannt, durch die Polizeiliche Kriminalstatistik nicht separat erfasst, sondern unter den Cyber-Sexualdelikten (verbotene Pornografie, Grooming, Sextortion und Live-Streaming) zusammengefasst. Die Kriminalstatistik zeigt, dass im Jahr 2024 die Delikte gemäss Art. 197 StGB im Vergleich zum Vorjahr um 15% zugenommen haben. Sexuelle Handlungen mit Kindern gemäss Art. 187 StGB haben demgegenüber um 7% abgenommen.
Allgemein wird geschätzt, dass circa 5% aller Erwachsenen DSKM konsumiert oder konsumiert haben [5]. Zum Vergleich: Weltweit leiden laut WHO etwas mehr als 5% der Menschen unter Depressionen, welche als eine der häufigsten psychischen Störungen gesehen wird.
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Gründe für die explosive Zunahme
Die COVID-19-Pandemie stellte auch in Bezug auf DSKM ein einschneidendes Ereignis dar. Während die Meldungen bereits vor der Pandemie eine steigende Tendenz zeigten, kam es vor allem nach den ersten Lockdowns zu einem exponentiellen Anstieg der Weiterverbreitung von DSKM [6] . Ursachen für diese explosive Zunahme werden in erster Linie darin gesehen, dass ein Grossteil der Bevölkerung plötzlich über viel mehr unstrukturierte Freizeit verfügte und diese insbesondere online verbrachte. Damit verbunden können die erhöhte soziale Isolation und begleitende Emotionen wie Stress, Angst oder auch Langeweile ebenfalls dazu beigetragen haben [7]. Nebst diesen situativen Veränderungen kann der weltweite Anstieg der Nutzung und Verbreitung von DSKM jedoch vor allem auf technologische Fortschritte zurückgeführt werden. Die zentralen Faktoren können mittels dem «Triple-A-Engine» beschrieben werden. Demnach stehen die drei A’s für Accessibility (Zugänglichkeit), Affordability (Bezahlbarkeit) und Anonymity (Anonymität) [8]. Illegale Pornografie ist längst nicht mehr eine Sache des Darknets, sondern wird immer häufiger auf herkömmlichen und legalen Online-Sharing-Plattformen, sozialen Netzwerken und verschlüsselten Messengern weiterverbreitet [9]. Dazu kommt, dass der Grossteil von Bildern, die sexuelle Gewalt gegen Kinder zeigen, kostenlos zur Verfügung gestellt wird bzw. meist Tauschhandel die Regel ist [10]. Nicht zuletzt kann die wahrgenommene Anonymität im Internet dazu beitragen, dass sich DSKM-Nutzer sicher und enthemmt fühlen [11]. Tatsächliche Strategien zur Anonymisierung (TOR-Browser, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, VPNs, Proxy-Servers oder Bezahlung mit Kryptowährungen) tragen zusätzlich zur Erschwerung der Identifizierung bei [12].
Die stetig fortschreitende technologische Innovation birgt weitere Risiken: Mit der Einführung künstlicher Intelligenz für die breite Gesellschaft zeichnen sich besorgniserregende Entwicklungen bezüglich der Verbreitung von DSKM ab. KI ermöglicht es in kürzester Zeit riesige Mengen an DSKM zu erstellen, die kaum von realen Inhalten zu unterscheiden sind. Dies erschwert nicht nur die strafrechtliche Verfolgung, sondern erleichtert gleichzeitig den Zugang erheblich und bestärkt Täter in kognitiven Verzerrungen [13]. Einfacher gesagt dienen KI-generierte Missbrauchsdarstellungen vielen Personen als Ausrede. Sie rechtfertigen ihren Konsum damit, dass sie so niemandem Schaden zufügen. Dabei verkennen sie jedoch, dass viele Inhalte auf Basis von realen Darstellungen erzeugt worden sind und ein regelmässiger Konsum zur Normalisierung und Desensibilisierung solcher Darstellungen führen kann – KI-generiert oder real.
Folgen für Opfer und Täter
Kinder und Jugendliche, welche Opfer von DSKM geworden sind, leiden oft an massiven negativen und teils lebenslangen Folgen. Darunter fallen intensive Gefühle von Scham, Schuldgefühlen und Ekel, wie auch psychische Störungen (kPTBS, Essstörungen, Depressionen) und andauernde Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen und der allgemeinen Lebensführung [14]. Für diese Opfergruppe besonders schwierig ist der Umstand, dass der eigene Missbrauch für immer im Netz ist und so für jede Person sichtbar. Besonders tragisch: Seit der Zunahme des Konsums von DSKM scheinen auch die Inhalte gravierender zu werden. DSKM beinhalten immer mehr schwerere Missbrauchstaten wie zum Beispiel Folter oder Sadismus, während zunehmend jüngere Opfer abgebildet werden [15].
Auch für die Täter bestehen Risiken für weitreichende Folgen. Obwohl sich die Strafzumessung bezüglich «kinderpornografischem Material» je nach Land unterscheidet, machen sich Personen, welche DSKM konsumieren, strafbar. Forschende zeigten ebenfalls, dass durch den fortlaufenden Konsum das Risiko für Hands-On-Straftaten steigen kann [16]. DSKM-Täter weisen zudem ein hohes Suizidrisiko auf, vor allem nach der Entdeckung durch die Strafverfolgungsbehörden. Viele Täter berichten davon, starke Angst und Scham zu verspüren, sich zunehmend einsam gefühlt und sozial isoliert zu haben. Daher wird deutlich, dass der Konsum von DSKM gravierende und weitreichende Folgen hat.
Das Ergebnis ist eindeutig: Es bleiben nur Verlierer:innen zurück.
Quellen:
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[2] Lehmann, R. J. B., Babchishin, K., & Schmidt, A. F. (2023). Konsum von Missbrauchsabbildungen: Prävalenz, Ätiologie, Fallpriorisierung und Prognose. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 17(1), 73–82. https://doi.org/10.1007/s11757-022-00752-6
[3] Bursztein, E., Clarke, E., DeLaune, M., Elifff, D. M., Hsu, N., Olson, L., Shehan, J., Thakur, M., Thomas, K., & Bright, T. (2019). Rethinking the Detection of Child Sexual Abuse Imagery on the Internet. The World Wide Web Conference, 2601–2607. https://doi.org/10.1145/3308558.3313482
[4] Babchishin, K. M., Lee, S. C., Eke, A. W., & Seto, M. C. (2022). Temporal order of sexual offending is risk-relevant for individuals with child sexual exploitation materials offences. Sexual Offending: Theory, Research, and Prevention, 17, e7229. https://doi.org/10.5964/sotrap.7229
[5] Wortley, R., Findlater, D., Bailey, A., & Zuhair, D. (2024). Accessing child sexual abuse material: Pathways to offending and online behaviour. Child Abuse & Neglect, 154, 106936. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2024.106936
[6] Eelmaa, S. (2022). SEXUALIZATION OF CHILDREN IN DEEPFAKES AND HENTAI. Trames. Journal of the Humanities and Social Sciences, 26(2), 229–248. https://doi.org/10.3176/tr.2022.2.07
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[7] McMahan, A., Roche, K., Dreyhaupt, R., Seto, M. C., & Rahm, C. (2024). Changes in sexual thoughts and behaviors in a clinical sample of child sexual abuse material users under the COVID-19 pandemic. Sexual and Relationship Therapy, 39(3), 963–983. https://doi.org/10.1080/14681994.2023.2215710
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[9] Bursztein, E., Clarke, E., DeLaune, M., Elifff, D. M., Hsu, N., Olson, L., Shehan, J., Thakur, M., Thomas, K., & Bright, T. (2019). Rethinking the Detection of Child Sexual Abuse Imagery on the Internet. The World Wide Web Conference, 2601–2607. https://doi.org/10.1145/3308558.3313482
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[11] Nurmi, J., Paju, A., Brumley, B. B., Insoll, T., Ovaska, A. K., Soloveva, V., Vaaranen-Valkonen, N., Aaltonen, M., & Arroyo, D. (2024). Investigating child sexual abuse material availability, searches, and users on the anonymous Tor network for a public health intervention strategy. Scientific Reports, 14(1), 7849. https://doi.org/10.1038/s41598-024-58346-7
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[15] Salter, M., & Whitten, T. (2022). A Comparative Content Analysis of Pre-Internet and Contemporary Child Sexual Abuse Material. Deviant Behavior, 43(9), 1120–1134. https://doi.org/10.1080/01639625.2021.1967707
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